Deutschland entdeckt Rassismus – again!

Als ich letztes Jahr die Idee zu diesem Blog hatte, war einer der Gründe dafür auch, über Rassismus aufzuklären. Ich war es leid, ständig darüber zu reden und immer wieder gebetsmühlenartig von Neuem zu erklären, was Rassismus ist, warum es keinen Rassismus gegen Weiße geben kann, was antimuslimsicher Rassismus ist, ob es überhaupt Rassismus geben kann, wenn es doch keine „Rassen“ gibt etc. Nach meiner naiven Vorstellung, erstmal langsam mit der Begriffsgeschichte von Rassismus anzufangen und immer wieder kleinere Blogbeiträge darüber zu machen, ist Rassismus jetzt in aller Munde. Kaum eine Nachrichtensendung oder ein Newsportal berichtet nicht darüber. Selbst nach Hanau hielt sich das mediale Interesse in Deutschland im Vergleich zu den letzten zwei Wochen nach der Ermordung von George Floyd und den weltweiten #BlackLivesMatter-Protesten in Grenzen. Jetzt, nachdem erst ein Schwarzer dafür sterben musste, informiert sich ganz Deutschland darüber.

Anstatt nun ausgiebig über Begriffsgeschichte und Definitionen zu schreiben, möchte ich dem nachgehen, was ich in den letzten Tagen immer wieder gefragt worden bin und was ich in meinem Umfeld und meinen Online-Filterblasen so gesehen habe.

Darf ich das?

Weiße Freund*innen fragen mich: „Darf ich denn überhaupt darüber reden?“, „Wenn ich mich in ausschließlich weißen Räumen befinde und Zeuge von rassistischen Aussagen werde und das dann auch anmerke, wird mir gesagt, dass ich die Klappe halten soll, da ich ja nicht betroffen bin und das ja nicht mein Bier sei.“ 

Man hat absolut das Recht, auch als nicht Betroffener Diskriminierung und Rassismus kenntlich zu machen, anzusprechen und dagegen anzugehen. Sonst unterbindet man jegliche Art von Zivilcourage.

  • Würde man jemanden nicht davon abhalten, einen Obdachlosen zu verletzen, weil man selbst keiner ist?
  • Darf man sich nicht für Frauenrechte einsetzen und frauenfeindliche Witze eben als misogyn ablehnen, weil man ein Mann ist?
  • Darf man rassistische Bemerkungen über Vietnames*innen, Araber*innen oder Sinti*zze und Rom*nja am Arbeitsplatz nicht anprangern, weil keine Betroffenen aus diesen Gruppen in der Firma arbeiten?

Das sind bequeme Mechanismen, für einen unangenehme Argumente mit plumper Gegenwehr abzuwischen. Es ist etwas anderes, Betroffenen als Nicht-Betroffener zu erklären, wie sie sich als Marginalisierte zu fühlen haben ODER für sie miteinzustehen, ohne ihnen die Deutungsmacht über ihre eigene Marginalisierung abzusprechen und mit ihnen zu sprechen oder ihnen gar den Raum dafür zu geben.

Die Entdeckung des Rassismus

Nachdem Anschlag in Hanau habe ich verwirrt überall gelesen, wie schockiert meine weißen Mitmenschen waren, dass so eine Tragödie hier in Deutschland passieren kann. Wie es denn möglich sei. Ich habe diese ganze Verwirrung nicht verstanden, da ich damit aufgewachsen bin, dass es für mich in Deutschland keine Frage von „Wieso“ war/ist, sondern von „Wann erneut“. Als Kind der Neunziger bin ich mit den Schrecken von Mölln und Solingen aufgewachsen und wie Koray Yılmaz-Günay schreibt: 

„Es ist nicht nur der Staat. Die «Gesellschaft» – zumindest der maßgebliche Teil der Gesellschaft – verharmlost weiterhin, wie der Staat, rassistische Morde (Einzeltäter, Perspektivlosigkeit, psychische Störung, «Ausnahmen» in ansonsten tippitoppi okayen Geheimdiensten und Polizeibehörden). Oder, einfacher, ignoriert, was für manche andere Teile der Gesellschaft zum Alltag gehört und – ganz trivial – selbstverständlich ist. Die Ausnahmen der einen sind Glieder in den Erfahrungs-Ketten anderer. Dass «Rassismus», «Antisemitismus», «Rechtsextremismus», «Hass», «Menschenverachtung» in unserem Land «keinen Platz» habe, kann sich leisten zu sagen, wer mit «unserem Land» diejenigen meint, die weiß-deutsch-christlich sind. In «meinem» Land haben alle Ausprägungen des Rassismus sehr viel Platz. Es ist geräumig hier.“[1]

Nach dem Mord an George Floyd erklingt überall die gleiche schockierte Überraschungswelle: In Deutschland sei das ja nicht möglich oder nicht so schlimm wie in den USA, als ob das ein Trost wäre. Besorgt rufe ich meine Schwarzen Freund*innen an und frage, wie es ihnen geht, ob ich irgendetwas tun kann und von allen höre ich dieselbe Frage: „Warum sind die Leute so überrascht? Das war doch immer so mit uns Schwarzen. Was daran ist unfassbar?“ Schwarze und PoC schreiben sich seit Jahren in den Sozialen Medien die Finger wund, erzählen und erzählen und erzählen sich kaputt, in der Hoffnung, dass das ein bisschen zur Aufklärung in der Gesellschaft beiträgt. Sie finden aber kein Gehör.

Kurze Zwischenübung: Wie viele BIPoC könnt ihr aus dem Gedächtnis namentlich nennen, die in den letzten zehn Jahren in Deutschland wegen rassistisch motivierten Taten ermordet wurden? Kommt ihr auf zehn, fünf oder auch nur drei?

Fehlendes Wissen 

Ich bin echt überrascht, wie viele Weiße in meinem Umfeld so wenig über Kolonialismus, Sklaverei und die Erfindung von Rassismus wissen. Man kann nicht darüber diskutieren, sich eine umfängliche Meinung bilden, wenn das Basiswissen nicht da ist. Dann werden gefährliche Halbwahrheiten weiter tradiert.

Und wo holt man sich dieses fehlende Wissen? Man liest Bücher! Sucht Online-Lexika auf, liest sich Diskussionen durch, folgt Betroffenen auf den Sozialen Medien, die darüber schreiben und informiert sich auf den Webseiten von Organisationen wie der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V.. Ja, man verschafft sich dieses Wissen mühevoll selbst, ohne von BIPoC zu erwarten, dass sie die Bildungsarbeit für einen machen und einen doch bitte über Rassismus aufklären, wenn man sie fragt.

Selbstreflexion

Journalist Malcolm Ohanwe ermuntert Weiße unter dem Hashtag #KritischesWeißsein sich mit ihrem Weißsein und ihren daraus resultierenden Privilegien auseinanderzusetzen.[2] Schaut da rein, ob ihr euch in einigen Aussagen wiederfindet. Und beleuchtet, wenn ihr schon kritisch mit euch seid, auch unterschiedliche Facetten eures Lebens. Wie förderlich ist es, als Weiße zu posten, dass man stolz auf den eigenen Nachwuchs ist, weil er bei einem #BlackLivesMatter-Demo ist und gleichzeitig zu verteidigen, das N*-Wort zu benutzen, um sich in seiner Sprachfreiheit nicht eingeschränkt zu fühlen? Und bedenkt, dass Soziale Medien keine BIPoC-freien safe spaces für Aufklärung sind, in denen Weiße sich folgenlos bilden können. Aussagen wie, „man persönlich hätte keine Probleme damit, wenn andere N*-kuss oder Z*-schnitzel verwenden, man möchte nur wissen, welche Begriffe denn nun öffentlich benutzt werden können“ zeugen von keiner Auseinandersetzung mit Rassismus, sondern von Scheinwahrung. Und unterlasst bitte Selbstreflexionen, die rassistische Handlungen und Aussagen wiederholen, mögen sie auch nur euch in ein schlechtes Licht rücken. Betroffene lesen das überhaupt nicht gern. Eine sehr verständliche Veranschaulichung bietet Victoria Linnea in einem Twitterthread dar: 

„Die weiße Person redet öffentlich darüber. Ein Geständnis sozusagen. Es ist mir (persönlich) sehr unangenehm, wie Weiße davon erzählen, welche rassistischen Aussagen sie mal getätigt haben, auch wenn sie sich gebessert haben. Stell dir vor, du bist eine Person, die täglich sexuell belästigt wird. Dann kommen cis Männer daher und erzählen, wie sie früher ungefragt Frauen an den Hintern gefasst haben – als Kompliment! Aber jetzt wissen sie es besser. Diese Unterhaltungen, egal ob Rassismus oder Sexismus, gehen damit einher, dass sich die Leute einander die Schulter klopfen und sagen, wie toll sie es finden, dass sie sich gebessert haben. Manche Leute weinen auch, weil sie begriffen haben, wie diskriminierend sie sind … und was ist mit den Betroffenen? […] Unser Leid wird dafür genutzt, dass sich andere bessern können. Mir ist es lieber, wenn ihr euch im Stillen bessert.“[3]

Ich habe keine Zeit dafür!

„Woher soll ich die Zeit dafür finden?“ Eine oft aufgeführte Aussage, wenn Nicht-Betroffene in eine Defensivhaltung gehen, um ihr fehlendes Wissen zu rechtfertigen und als Argument aufzuführen, wenn sie sich über bestimmte Themen nicht bilden. „Ich kann ja nicht alle Entwicklungen verfolgen.“, „Ich weiß jetzt nicht, wie man dich bezeichnet, das ändert sich alles so schnell!“ Das höre ich nicht nur im Rahmen von Rassismus, sondern auch, wenn es um gendersensible Sprache oder Diskriminierung von LGBTIQ+ geht. Hier ist der Clou: Man nimmt sich die Zeit, wenn man es möchte!

Man findet die Zeit, ein Buch zu lesen. Man findet die Zeit, die neuste Staffel von der tollen Serie XYZ auf Netflix zu suchten. Man findet die Zeit, über sein Lieblings-Pen-&-Paper-Spiel zu bloggen und die Zeit, auf Facebook zu posten, dass man keine Zeit für XYZ hat. Dann findet man auch die Zeit, sich eine Doku anzusehen, ein paar Begriffe in einem Online-Lexikon nachzuschlagen und Tweets und Kommentare von PoC und Schwarzen in den sozialen Medien zu lesen, die 24/7 mit ihren Posts kostenlose Aufklärungsarbeit leisten. Es ist keine Frage der fehlenden Zeit sondern der Tatsache, dass es einem nicht wichtig genug ist.[4] Nächstes Mal, wenn jemand die Aussage trifft „Ich habe keine Zeit auf sowas einzugehen, diesen Link zu gucken, diesen Artikel zu lesen oder mich mit deinen konstruktiven Kommentaren auseinanderzusetzen“, heißt es im Klartext.: „Es ist mir nicht wichtig genug, darauf einzugehen, diesen Link zu gucken, diesen Artikel zu lesen oder mich mit deinen konstruktiven Kommentaren auseinanderzusetzen.“ Ein Satz, den man sich auch selbst in Erinnerung rufen sollte, bevor man kundtut: „Ich habe keine Zeit dafür, aktiv gegen Rassismus vorzugehen!“


Illustrationen: Oliver Hoogvliet.

[1] https://www.facebook.com/notes/koray-yılmaz-günay/warum-ich-gegen-us-importe-bin/3149027848487235/ (Zuletzt aufgerufen am 12.06.2020).

[2] https://twitter.com/MalcolmOhanwe/status/1269584547198443522 (Zuletzt aufgerufen am 12.06.2020).

[3] https://twitter.com/VictoriaLinnea1/status/1270075403739303938 (Zuletzt aufgerufen am 12.06.2020).

[4] Siehe den TED-Talk von Laura Vanderkam von 2016: https://www.ted.com/talks/laura_vanderkam_how_to_gain_control_of_your_free_time?language=de (Zuletzt aufgerufen am 12.06.2020).