Bauchschmerzen in Lummerland – Umgang mit rassismuskritischem Lesen von Michael Endes „Jim Knopf“

Ich bin das erste Mal mit zehn Jahren in unserem Schulkino mit Michael Endes Werk in Berührung gekommen. Ich vergoss Freudentränen, als ich die Filmversion von „Die unendliche Geschichte“ sah und wollte einen Fuchur haben – obwohl ich Angst vor Hunden hatte. In der Grundschule las ich noch „Momo“, litt mit Beppo, gruselte mich vor den grauen Herren und fand Kassiopeia voll cool. „Der Wunschpunsch“ und „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ habe ich ebenfalls verschlungen und war als 15-jähriger Teenager sehr traurig, als Michael Ende verstarb. Trotzdem betrachte ich als Erwachsener sein Werk nun – wie von allen anderen Autor*innen – auch (rassismus-)kritisch.

Weiße Privilegien und Zerbrechlichkeiten

Den Anstoß für diesen Blogbeitrag gab die Rezeption des ZEIT ONLINE-Interviews „Jim Knopf wird noch leider zu oft gelesen“[1] mit der Pädagogin Christiane Kassama zur rassismuskritischen Frühbildung in den Kitas auf der Facebook-Seite eines Freundes. Eine Diskussion, die es auf ähnliche Art – größtenteils mit denselben Menschen – auch über den Film „Otto – Der Film“ gab, in dem ein Schwarzer Mensch in einer Szene mit rassistischer Sprache dargestellt wird.[2] Die angebrachten Argumente sind fast identisch:

  • Man muss das Werk im Kontext betrachten – damals wurde es nicht rassistisch aufgefasst.
  • Den Kindern kann man erklären, dass das N-Wort heute nicht mehr in Ordnung ist, dann ist es erledigt.
  • Außerdem sollte man Kindern schon einiges zutrauen.
  • Cancel Culture – man darf ja gar nichts mehr sagen!

Hierbei sind die Diskutierenden, die von einer „Über-Korrektheit“ und „Hexenjagd“ reden, immer weiß. Auf die Frage hin, was für Erfahrungen sie denn mit Schwarzen Kindern und dem besagten Film oder dem Buch gemacht haben, kommt entweder keine Reaktion oder die Erklärung, dass sie keine Schwarzen Kinder in ihrem Umfeld haben. Zudem wird das rassistische N-Wort von einigen immer wieder bei den Kommentaren ausgeschrieben und keiner findet daran Anstoß – oder merkt es gar nicht an. Auf Gegenargumente wird klassischerweise mit Abwehr reagiert:

  • Ich bin kein*e Rassist*in!
  • Du verstehst mein Anliegen nicht.
  • Hast du das Buch überhaupt gelesen?
  • Ende/Otto war doch kein Rassist!
  • Es tut weh, immer als Rassist*in bezeichnet zu werden.

Und hier kommen wir bei White Fragility an: Weiße Zerbrechlichkeit, in der sich weiße Personen in eine Opferrolle bringen, wenn ihnen ihre rassistische Tat, Sprache, Ausdruck oder Einstellung gezeigt, angedeutet oder gespiegelt wird – die Tatsache, als Rassist*in bezeichnet zu werden oder auf eine getätigte rassistische Handlung aufmerksam gemacht zu werden, erscheint den Personen viel schlimmer und infamer als die rassistische Tat selbst und überdeckt diese vollends, sodass sie aus dem Blickfeld geschoben wird. Und in weißen Räumen, wo man sich gegenseitig auf die Schulter klopft und eigene Ansichten bestätigt findet, entsteht auch kein Umdenken im Sinne des Kritischen Weißseins: sich den Privilegien bewusst zu werden, die mit dem eigenen Weißsein einhergehen und sich als Nicht-Betroffene*r mit Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Menschen in unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Eines dieser Privilegien ist eben auch die Deutungshoheit darüber, bestimmen zu dürfen, was rassistisch ist, welche Wörter nicht mehr gesagt werden sollten und wann etwaige Bestrebungen als „Über-Korrektheit“ und „künstlerische Freiheit“ bezeichnet werden können. Es ist auch ein Privileg, bei Gegenargumenten, die für eine rassismuskritische Umschreibung von Büchern und das Nicht-Verwenden des N-Wortes, eine verurteilenswerte Identitätspolitik zu sehen, ohne die eigens betriebene weiße Identitätspolitik über die Verweigerung eines rassismuskritischen Ansatzes von Kinderbüchern und Filmen als solche zu titulieren. Oder Worte zu benutzen wie man müsse einer Person „ins Gehirn gepisst“ haben, da sie die Rezeption von Jim Knopf in Kitas für bedenklich hält. 

Was können wir da tun?

Erstmal anerkennen, dass Rassismus, Kolonialisierung und White Supremacy – Denkweisen und Annahmen, dass es Menschenrassen gibt und weiße Menschen anderen Menschen überlegen sind – nun mal seit Jahrhunderten in westlichen Gesellschaften verankert sind, somit auch in Kunst und Kultur. Und sich bewusst machen, dass die deutsche Gesellschaft nicht nur aus weißen Menschen besteht und Bücher, Filme, Hörspiele, Gesetzestexte, Ansprachen für eine diverse Zuschauenden- und Lesendenschaft erstellt werden müssen. Versucht mal, die Texte auch aus den Augen von marginalisierten Personen zu betrachten und zu rezipieren. Stellt euch vor, euer Kind wäre Schwarz und würde in der Kita Jim Knopf vorgelesen bekommen oder würde im Kino „Otto – Der Film“ sehen – wie der Autor James A. Sullivan einst:

„In welcher Welt leben Leute, die die klar rassistischen Szenen aus dem ersten Otto-Film als Positivbeispiel betrachten?
Ich bin in den 80ern aufgewachsen und mochte Otto im Grunde. Als der Film rauskam, habe ich ihn sogar im Kino gesehen, und ich habe die besagten Stellen gehasst. Und natürlich war mir klar, welche Witze ich mir für eine Weile in der Schule und auch außerhalb davon anhören musste.
Die rassistischen Sprüche aus dem Film hörte ich von Leuten, die ich für Freunde hielt, ebenso wie von Leuten, die mich gar nicht kannten. Also bitte: Tut nicht so, als wäre das damals unschuldig gewesen. Die Leute, die die Sprüche aufgriffen, wussten genau, was sie tun.
„Die Szene in ‚Otto – der Film‘, in der Otto und ein dunkelhäutiger GI versuchen, einer unfassbar törichten Person einen Sklaven zu verkaufen, ist möglicherweise ein sehr frühes Beispiel für anti-rassistische Komik im deutschen Film“, sagt Geschäftsführer Matthias Wendlandt […]
Ja klar, die Sprüche, die wir damals von allen Seiten abgekriegt haben, waren eigentlich anti-rassistische Comedy. Wir haben das nur falsch verstanden.
Tatsächlich aber bot der Film neue Munition, um gegen Leute wie mich vorzugehen. Als hätte es nicht schon genug gegeben.
Es geht bei diesen Dingen nicht um die Intention, sondern um die Wirkung. Es war im Kino bereits verletzend, und außerhalb davon war es noch viel schlimmer. Erst wirst du vom Film (und von Otto) enttäuscht, dann von Leuten, die den Film gesehen haben.
Diese Art von Rassismus war damals übrigens überall. Nur war Otto in den Jahren besonders erfolgreich. So konnten mir Leute rassistische Sprüche ins Gesicht sagen und sich darauf verlassen, dass der Erfolg des Films ihnen Deckung bietet.
Nun möchte ich niemandem den Film madig machen. Rezeption zu kritisieren hat wenig Sinn. Wir alle mögen auch Filme, die problematisch sind, für uns aber wichtig waren. Aber tut nicht so, als wäre damals alles okay gewesen. Es war damals schon problematisch. Und viele wussten es.“[3]

Dabei war Michael Ende kein Rassist und hat das Buch sogar mit einer antirassistischen und aufklärerischen Intention geschrieben, aber trotzdem enthält das Buch aus heutiger Sicht viele Rassismen, die nicht reproduziert werden sollten. Ich will nicht, dass Kinder Zeilen, wie sie 2018[4] noch publiziert wurden, in Kitas oder Schulen ungefiltert vorgelesen bekommen:

  • „‚Das dürfte vermutlich ein kleiner N-Wort [ausgeschrieben] sein‘, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“
  • „Außerdem war es auch erschrocken vor dem großen schwarzen Gesicht von Lukas, denn es wusste ja noch nicht, dass es selber auch ein schwarzes Gesicht hatte.“
  • „Und dass das Baby schwarz war, fand sie ganz besonders nett, weil das zu rosa Stoff so hübsch aussah und Rosa war ihre Lieblingsfarbe.“
  • „Das Waschen fand er besonders überflüssig, weil er ja sowieso schwarz war und man gar nicht sehen konnte, ob sein Hals sauber war oder nicht.“
  • „Jims bester Freund war und blieb Lukas der Lokomotivführer. Sie verstanden sich ohne viele Worte, schon allein deshalb, weil Lukas ja ebenfalls fast ganz schwarz war.“
  • „Jims größter Wunsch war es nämlich, später auch Lokomotivführer zu werden, weil dieser Beruf so gut zu seiner Haut passte.“

Stellen wir uns mal kurz vor, Jim wäre weiß:

  • „‚Das dürfte vermutlich ein kleiner Alman, Kartoffel, Biodeutscher, Weißer sein‘, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“
  • „Außerdem war es auch erschrocken vor dem großen weißen Gesicht von Lukas, denn es wusste ja noch nicht, dass es selber auch ein weißes Gesicht hatte.“
  • „Und dass das Baby weiß war, fand sie ganz besonders nett, weil das zu rosa Stoff so hübsch aussah und Rosa war ihre Lieblingsfarbe.“
  • „Das Waschen fand er besonders überflüssig, weil er ja sowieso weiß war und man gar nicht sehen konnte, ob sein Hals sauber war oder nicht.“
  • „Jims bester Freund war und blieb Lukas der Lokomotivführer. Sie verstanden sich ohne viele Worte, schon allein deshalb, weil Lukas ja ebenfalls fast ganz weiß war.“
  • „Jims größter Wunsch war es nämlich, später auch Lokomotivführer zu werden, weil dieser Beruf so gut zu seiner Haut passte.“

So werden die rassistischen und fetischisierenden Bedeutungen dieser Sätze deutlicher. Oder würde Jim vielleicht dann doch lieber Milchbauer werden wollen, weil der Beruf so gut zu seiner Haut passt? Oder Angst vor dem weißen Gesicht von Lukas bekommen – der Schwarz ist und nur deshalb fast weiß, weil er als Bäcker immer mit Weißmehl bestäubt ist … und in den Sätzen oben ist der Fokus nur auf die rassistische Codierung von Jim Knopf gelegt, ohne auf die späteren asiatischen Klischees in Mandala Bezug zu nehmen.  

Es geht auch ohne!

Schmälert das Ganze jetzt meine Liebe zu Michael Ende? Nein, keineswegs. Die Zeiten ändern sich und die Rezeption und die Lesendenschaft auch – somit auch das Verständnis von Rassismus. Michael Endes Werk soll auch folgenden Generationen tolle Stunden in fantastischen Welten bereiten – ohne Bauchschmerzen für alle Lesenden, denn wie die Verfilmung von 2018 es gezeigt hat: Ohne N-Wort geht´s auch.[5] Die abschließenden Worte gehen an die Autorin Elea Brandt, die mir aus der Seele spricht:

„Ich stelle mir vor, wenn Ende noch leben würde, er würde das genauso sehen. Er hat ja einige Fehler schon zu Lebzeiten realisiert. Ich stell mir vor, er würde sagen: ‚Ja, ihr habt recht, das war nicht cool. Wusste ich damals nicht besser. Lasst uns künftig mehr draus machen.‘“[6]


Korrektorat: Aimée Ziegler-Kraska

Illustration: Oliver Hoogvliet

[1] Herrmann, Moritz: Jim Knopf wird leider noch oft gelesen. 2020. In: ZEIT ONLINE. URL: https://www.zeit.de/hamburg/2020-07/rassismus-fruehbildung-kita-vorschule-paedagogik-christiane-kassama (Zuletzt aufgerufen am 27.07.2020).

[2] Vgl. hierzu auch Braun, Judith: Irrer Streit um deutschen Kultfilm: Rassistische Sprüche – oder „sehr frühes“ Positivbeispiel? 2020. In: SauerlandKurier. URL: https://www.sauerlandkurier.de/stars/otto-waalkes-streit-kultfilm-rassismus-debatte-tv-kino-zr-90011938.html (Zuletzt aufgerufen am 27.07.2020).

[3] Sullivan, James A.. URL: https://twitter.com/fantasyautor/status/1286026586379161602 (Zuletzt aufgerufen am 27.07.2020).

[4] Alle Zitate sind aus Ende, Michael: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Stuttgart: Thienemann in der Thienemann Esslinger Verlag GmbH, 2018 [7. Auflage], S. 16-19.

[5] Sander, Lalon: Ohne N-Wort geht´s auch. 2018. In: Taz. URL:  https://taz.de/Jim-Knopf-Film-und-Diskriminierung/!5496205/ (Zuletzt aufgerufen am 27.07.2020).

[6] Brandt, Elea. URL: https://twitter.com/EleaBrandt/status/1287671540155404288 (Zuletzt aufgerufen am 27.07.2020).